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Die Tragik der Software-Allmende

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Freie Software ist ein Commons. Jedem steht es frei, sie zu nutzen. Einige US-Konzerne wussten freie Software sogar so geschickt zu nutzen, dass sie unvorstellbar reich wurden. Auf der anderen Seite ist freie Software oft völlig unterfinanziert? Warum ist das so? Um die Frage zu beantworten, beschäftigen wir uns mit der Anti-Commons-Polemik von Garrett Hardin, die als ›Tragik der Allmende‹ bekannt wurde, sowie mit der US-Politologin Elinor Ostrom, die empirisch nachwies, dass Commons sehr wohl überall auf der Welt nachhaltig bewirtschaftet werden. Mit ihren acht Designprinzipien legte Ostrom die Grundlage für die moderne Commons-Forschung. Wir fragen, ob freie Software die acht Prinzipien erfüllt oder nicht.


Der US-amerikanische Juraprofessor Eben Moglen behauptete kurz vor der Jahrhundertwende, dass die Freie-Software-Bewegung das Ende des »geistigen Eigentums« besiegelt habe. Moglen argumentierte, dass digital repräsentierbare Informationen, wie Software, Texte, multimediale Inhalte sowie jede Art von Wissen die Idee von Eigentum ad absurdum führten, weil sie frei kopiert werden könnten. Freie Software wird deshalb oft als Commons bezeichnet, als Software-Allmende.


In der Commons-Forschung würde man freie Software in die sogenannten nicht-rivalen Ressourcen einordnen. Das sind Ressourcen, die sich durch Nutzung nicht erschöpfen, sodass die Nutzer nicht miteinander rivalisieren müssen. Nicht-rivale Ressourcen wie freie Software seien deshalb allein schon aufgrund ihrer Digitalität und freien Kopierbarkeit so etwas wie ideale Commons.


Die deutsche Commons-Forscherin, Silke Helfrich, hat dieser Vereinfachung stets widersprochen und betont, dass Gemeingüter immer von Menschen gemacht seien. »Gemeingüter sind nur, wenn wir sie herstellen. Sie bleiben nur, wenn wir sie pflegen.«[cite:@helfrich_commons:_2014]
Freie Software muss hergestellt und gepflegt werden; und die Ressource, die dafür genutzt wird, ist nicht digital und nicht-rival, sondern lebendig und rival: die Arbeitskraft der Entwickler:innen und Maintainer:innen.


Kann also freie Software nachhaltig gepflegt werden? Oder betrifft die Tragik der Allmende auch digitale, nicht-rivale Güter wie zum Beispiel Software? Um Lösungsansätze zu finden, schauen wir uns die Erkenntnisse der amerikanischen Commons-Forscherin Elinor Ostrom an. In ihrem Hauptwerk ›Governing the commons: The evolution of institutions for collective action‹ von 1990 beschreibt sie, wie Gemeingüter nachhaltig und erfolgreich verwaltet werden. Sie entdeckt dabei, dass acht Designprinzipien die Nachhaltigkeit einer Commons-Institution gewährleisten. Wir werden uns in dem Vortrag mit folgender Frage beschäftigen: Kann freie Software die Ostrom'schen Designprinzipien erfüllen?